Kooperation zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Gesundheitswesen im Kinderschutz
Kongressrückblick von Birgit Averbeck, DGSF-Fachreferentin Jugendhilfe/-Politik und Soziale Arbeit
Wie gelingt Kooperation im Kinderschutz, wenn unterschiedliche Verständnisse, unterschiedliche Finanzierunglogiken unterschiedlicher Berufsgruppen verbunden mit unterschiedlichen Kulturen des Umgangs miteinander in der Praxis immer wieder schwierige Dynamiken auf der Helferebene ergeben? Welche Voraussetzungen braucht eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Gesundheitswesen? Und wie kann verhindert werden, dass Kinder und Familien an den Schnittstellen unterschiedlicher Hilfesysteme aus dem Blick geraten?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich der gemeinsame Fachkongress „Kooperation zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Kinder- und Jugendhilfe und Gesundheitswesen im Kinderschutz“, der am 25. und 26. Juni 2026 in Leipzig stattfand. Veranstaltet wurde die Tagung von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) und dem Deutschen Jugendinstitut (DJI). Fach- und Leitungskräfte aus Kinder- und Jugendhilfe, Medizin, Psychotherapie, Wissenschaft und Politik diskutierten gemeinsam darüber, wie Kooperation im Kinderschutz trotz oft herausfordernder Dynamiken nachhaltig gestaltet werden kann.
Eröffnet wurde der Kongress von Anke Leitzke, Mitglied des Vorstands der Kinderschutz-Zentren, Prof. Dr. Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut und Martin Diem, Vorstand der DGSF. Martin Diem stellte dabei in seinem fachlich fundierten Grußwort die systemischen Chancen von Mehrperspektivität im Kinderschutz dar. Gemeinsam machten sie deutlich, dass wirksamer Kinderschutz nur dort gelingen kann, wo unterschiedliche Professionen Verantwortung gemeinsam übernehmen und ihre jeweiligen Perspektiven konstruktiv zusammenführen.
Auch Bundesfamilienministerin Karin Prien unterstrich in einem per Video übermittelten Grußwort die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Gesundheitswesen. Sie betonte, dass wirksamer Kinderschutz nur gelingen könne, wenn institutionelle Grenzen überwunden und Kooperation als gemeinsame Verantwortung verstanden werde.
Moderiert wurde die Veranstaltung von Birgit Averbeck, DGSF-Fachreferentin Jugendhilfe/-Politik und Soziale Arbeit, und Anke Leitzke.
Bild: Teilnehmende bei der Eröffnung des Fachkongresses
Kooperation als Gemeinschaftsleistung einer Verantwortungsgemeinschaft

Bereits der Eröffnungsvortrag von Mechthild Paul (Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit) setzte einen wichtigen fachlichen Akzent. Anhand der Erfahrungen aus den Frühen Hilfen zeigte sie, dass tragfähige Kooperation nicht allein durch gesetzliche Vorgaben oder Kooperationsvereinbarungen entsteht. Entscheidend seien vielmehr kontinuierliche Netzwerkpflege, verbindliche Kommunikationsstrukturen und eine gemeinsame professionelle Haltung. Vertrauen, Rollenklarheit und regelmäßiger fachlicher Austausch seien wesentliche Voraussetzungen dafür, Familien frühzeitig zu erreichen und passgenau zu unterstützen.
Im anschließenden Vortrag stellte Prof. Dr. Ulrike Urban-Stahl (Freie Universität Berlin) die Ergebnisse einer mehrperspektischen Studie „Mütter und Kinder zwischen den Hilfesystemen“ im Forschungsverbund „ProChild“ dar. Wie erleben psychisch erkrankte Mütter, ihre Psychotherapeut*innen und ambulanten Erziehungshilfe-Fachkräfte die Kooperationen? Deutlich wurde, dass gelingende Zusammenarbeit nicht an Organisationsgrenzen endet, sondern sich daran messen lassen muss, ob Kinder, Jugendliche und Eltern sich ernst genommen und beteiligt fühlen.
Mit ihrem Vortrag zur psychotherapeutischen Praxis im Kinderschutz verdeutlichte Dr. Sabine Ahrens-Eipper (Ostdeutsche Psychotherapeut*innenkammer OPK), anhand von Fallbeispielen, dass Psychotherapeut*innen ein wichtiger Bestandteil interdisziplinärer Kinderschutznetzwerke sind. Fachlich sicheres Handeln erfordere nicht nur fundierte Kenntnisse über Erscheinungsformen von Kindeswohlgefährdung und rechtliche Rahmenbedingungen, sondern auch eine enge Kooperation mit Jugendhilfe, Medizin und weiteren Institutionen.
Zum Abschluss des ersten Kongresstages lenkte Sabine Maur den Blick auf ein wenig präsentes Thema im Kinderschutz, die Versorgung von trans* Jugendlichen. Sie verdeutlichte, dass die soziale und medizinische Transition von Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie und Geschlechtsinkongruenz zu erheblichen sozialen und familiären Spannungssituationen führen kann, die bis zu einer Kindeswohlgefährdung führen können und mit einer entsprechenden psychischen Belastung der betroffenen Jugendlichen einhergeht.
Das 1. Forum des Kongresses beschäftigte sich mit Konflikten und Dissens in der Zusammenarbeit zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Medizin. Dr. Rieke Oelkers-Ax, DGPPN, Familientherapeutisches Zentrum (FaTZ), Neckargemünd, Wolfgang Ruthemeier, Jugendamt Stadt Osnabrück und Dr. Andrea Eulgem, Gesundheitsamt der Stadt Köln stellten ihre Erfahrungen gelebter Praxis zur Verfügung und diskutierten darüber, wie ein konstruktiver Umgang mit verschiedenen Perspektiven aussehen kann, was Familien und professionelle Akteure brauchen und unter welchen Bedingungen Zusammenarbeit gelingen kann.
Bild: Sabine Maur, Vorstandsmitglied des VLSP*, Fachverband für queere Menschen in der Psychologie e.V.
Forschung, Qualitätsentwicklung und gemeinsame Lernprozesse

Der zweite Kongresstag rückte die Perspektive des Gesundheitswesens noch stärker in den Fokus. Prof. Dr. Michael Kölch verdeutlichte die unterschiedlichen Strukturen und Systemlogiken im Gesundheitswesen (SGB V) und in der Jugendhilfe (SGB VIII), die zu herausfordernden Dynamiken in der Praxis führen können. Ob Kooperation gelingt, hängt im Wesentlichen davon ab, inwieweit die Akteur*innen bereit sind, die Systemlogiken des anderen anzuerkennen und verstehen zu wollen. Gerade angesichts knapper werdender personeller und finanzieller Ressourcen müsse die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitswesen und Kinder- und Jugendhilfe strukturell gestärkt und auch neue Herausforderungen – etwa Gefährdungen in digitalen Lebenswelten – vermehrt gemeinsam bearbeitet werden.
Im anschließenden Forum stellten Prof. Dr. Heinz Kindler und Dr. Susanne Witte vom DJI das Qualitätsentwicklungsverfahren QUEK (NRW) in Jugendämtern sowie die Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitforschung vor. Dabei zeigten sie u.a. die Erschwernisse in der Kooperation des Jugendamtes mit dem Gesundheitswesen in Prozessen der Gefährdungseinschätzung auf. Dr. Thomas Meysen und Dr. Sheila Fish von SOCLES verglichen die Zusammenarbeit der Professionen in einem internationalen Kontext und zogen Lehren aus Kinderschutzfällen in England. Dabei wurde erneut deutlich, dass gelingender Kinderschutz nur dort entsteht, wo transparente Kommunikationswege, gemeinsame Fallreflexionen und institutionell abgesicherte Strukturen vorhanden sind.
Bild: Podiumsdiskussion am zweiten Veranstaltungstag
Workshops an beiden Veranstaltungstagen thematisieren verschiedene Praxisperspektiven
An beiden Kongresstagen griffen praxisnahe Workshops unterschiedliche Perspektiven und Fragestellungen auf. Dabei standen unter anderem konstruktive Umgänge mit Konflikten und Dissens zwischen Jugendhilfe und Medizin, innovative Beteiligungsmethoden in klinischen Kinderschutzkontexten sowie erfolgreiche Kooperationsmodelle im Mittelpunkt. Auch die Bedeutung professioneller Beziehungsgestaltung, verschiedene Sichtweisen von Familien sowie die Betrachtung konkreter Kooperationsmodelle zwischen Jugendämtern und medizinischen Einrichtungen wurden praxisnah beleuchtet.
Immer wieder wurde deutlich, dass funktionierende Kooperation nicht (nur) vom Engagement einzelner Fachkräfte abhängen darf, sondern von verlässlichen und finanzierten Strukturen, klaren Zuständigkeiten und gemeinsam evaluierten Kooperationsvereinbarungen, damit Familien nicht zum „Spielball“ zwischen verschiedenen Hilfesystemen werden.
Kooperation braucht verlässliche Rahmenbedingungen
Den Abschluss des Fachkongresses bildete eine Podiumsdiskussion mit Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft und Praxis, moderiert von Birgit Averbeck und Prof. Dr. Sabine Walper. Podiumsteilnehmende waren Saskia Esken (SPD), Vorsitzende des Familienausschusses im 21. Deutschen Bundestag, Dr. med. Thomas Götz (Bündnis 90/ Die Grünen), Staatssekretär d.D. für Gesundheit und Soziales des Landes Brandenburg, Prof. Dr. Michael Kölch, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter Universitätsmedizin Rostock, Katrin Krumrey, Kinder- und Jugendbeauftragte des Landes Brandenburg, Dr. Thomas Meysen, SOCLES International Centre for Socio-Legal Studies, Wolfgang Schreck, Vorstand Bundespsychotherapeutenkammer und Dr. Kerstin Schröder, Leiterin des Jugendamtes der Stadt Nürnberg und Sprecherin der Konferenz der Leiter*innen der Großstadtjugendämter des Deutschen Städtetages.
Im Mittelpunkt stand die Frage, welche strukturellen und politischen Rahmenbedingungen notwendig sind, damit die Kooperation zwischen dem Gesundheitswesen und der Jugendhilfe im Kinderschutz gelingt. Diskutiert wurden auch die Gefahren von Doppelstrukturen der medizinischen Beratung auf Bundes- und kommunaler Ebene und die Auswirkungen der aktuell vorgesehenen massiven Kürzungen der Finanzierung psychotherapeutischer Versorgung sowie der Sparpläne in der Jugendhilfe und der Eingliederungshilfe. Die Teilnehmenden formulierten große Sorgen über den Abbau der Sozialstrukturen und die Folgen für den Kinderschutz, die Familien und die betroffenen Professionellen.
Das Podium endete mit Aussagen der Teilnehmenden zu Hoffnung machenden Entwicklungen in schwierigen Zeiten und den eigenen Potentialen. Auf die Frage an die Bundespolitik, was Verbände fachpolitisch tun können, wurde deutlich gemacht „Bleiben Sie am Thema dran und bilden Sie Allianzen“.
Fazit: Kooperation ist mehr als Zusammenarbeit
Wie ein roter Faden zog sich durch den gesamten Fachkongress die Erkenntnis, dass Kooperation im Kinderschutz weder selbstverständlich noch allein durch gesetzliche Regelungen herzustellen ist. Sie ist vielmehr Ausdruck einer gemeinsamen professionellen Haltung und benötigt zugleich belastbare Strukturen, ausreichend Ressourcen und eine Kultur gegenseitiger Anerkennung.
Deutlich wurde auch: Kinder, Jugendliche und Familien profitieren unmittelbar davon, wenn Gesundheitswesen, Kinder- und Jugendhilfe sowie weitere Hilfesysteme abgestimmt handeln, Informationen verantwortungsvoll teilen und Entscheidungen gemeinsam treffen. Gelingender Kinderschutz entsteht dort, wo institutionelle Grenzen überwunden werden und das Wohl des Kindes zum gemeinsamen Bezugspunkt aller beteiligten Professionen wird. Dazu gehört unbedingt die Beteiligung der Kinder, Jugendlichen und Eltern im Hilfe- und Unterstützungsprozess.
Die zentrale Botschaft des Fachkongresses richtet sich deshalb gleichermaßen an Politik, Wissenschaft und Praxis: Wir brauchen „eine Allianz für Kinder“ von Gesundheitswesen, Jugendhilfe und Politik!
Nur in systemübergreifender Zusammenarbeit kann es perspektivisch gelingen, die Kooperation dauerhaft strukturell und finanziell im Sinne der Kinder und ihrer Familien abzusichern.
Den Auftrag der Politik an die Verbände „Bleiben Sie dran“ nehmen wir an!
Birgit Averbeck, DGSF-Fachreferentin Jugendhilfe/-Politik und Soziale Arbeit