
Intersektionale Perspektiven
Intersektionalität erweitert systemisches Denken um eine macht- und diskriminierungssensible Perspektive auf Gesundheit, Krankheit und Versorgung. Sie macht sichtbar, wie Rassismus, Sexismus, Klassismus oder Ableismus zusammenwirken und psychische Belastungen sowie Zugänge zum Gesundheitssystem prägen. Für eine zeitgemäße systemische Gesundheitspolitik und (Psycho-)Therapie ist sie daher keine Ergänzung, sondern eine fachliche Kompetenz, um individuelle Lebenslagen im Kontext gesellschaftlicher Ungleichheiten zu verstehen und Versorgung gerechter zu gestalten.
Intersektionalität als fachliche Kompetenz für systemische Gesundheitspolitik und systemische (Psycho-)Therapie
Eine zeitgemäße systemische Gesundheitspolitik und (Psycho-)Therapie steht heute vor der Aufgabe, nicht nur individuelle Problemlagen zu erkennen, sondern auch die gesellschaftlichen Bedingungen mitzudenken, die psychische Gesundheit beeinflussen. Systemische Praxis arbeitet von jeher kontextsensibel: Sie versteht Menschen als Teil vielfältiger sozialer und institutioneller Systeme. Intersektionalität ergänzt dieses Verständnis, indem sie sichtbar macht, wie gesellschaftliche Macht- und Diskriminierungsverhältnisse zusammenwirken und Lebenslagen prägen – etwa Rassismus, Sexismus, Klassismus oder Ableismus.
Diese Perspektive knüpft direkt an die in der DGSF verankerten Grundhaltungen an, insbesondere an die Verpflichtung zur Überwindung von Diskriminierung und an die Aufgabe, systemische Therapie und Beratung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen weiterzuentwickeln und politisch zu vertreten. Siehe hierzu auch die intersektional überarbeiten Ethikrichtlinien.
Damit wird Intersektionalität nicht zu einem Zusatz, sondern zu einem notwendigen Bestandteil systemischen Denkens in einem Gesundheitswesen, das zunehmend mit struktureller Ungleichheit konfrontiert ist.
Systemische und intersektionale Ansätze – ein gemeinsames Fundament
Beide Perspektiven teilen zentrale Anliegen: Sie fragen nach Kontext, nach Beziehungen und nach den strukturellen Bedingungen, unter denen Menschen leben und handeln. Systemische Arbeit betont die Interdependenzen zwischen Personen, Institutionen, Lebenswelten und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Intersektionalität erweitert diesen Blick, indem sie die simultane Wirkung verschiedener sozialer Kategorien und Machtverhältnisse analysierbar macht.
In therapeutischen und beraterischen Prozessen eröffnet dies die Möglichkeit, psychische Belastungen nicht nur als individuelle Symptome oder familiäre Dynamiken zu verstehen, sondern auch als Ausdruck gesellschaftlicher Ausschlüsse, prekärer Lebenslagen oder systemischer Benachteiligungen.
Fachpolitische Relevanz intersektionaler Systemik im Gesundheitswesen
Eine intersektionale systemische Perspektive ist fachpolitisch zentral, weil gesundheitliche Ungleichheiten in Deutschland deutlich zunehmen. Armut, Bildungsbenachteiligung, Rassismus, Geschlecht oder Behinderung wirken zusammen und führen zu früheren Erkrankungsrisiken, geringerer Lebenserwartung und erschwertem Zugang zu Versorgung. Aktuelle Studien wie die des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa) und die Ergebnisse des Afrozensus zeigen, dass Ungleichheiten über die gesamte Lebensspanne bestehen und dass Diskriminierungserfahrungen die Nutzung psychotherapeutischer Angebote messbar reduzieren.
Wer profitiert – und warum dies eine politische Frage ist
Eine intersektional-systemische Ausrichtung stärkt sowohl die Qualität der Versorgung als auch die Gerechtigkeit im Gesundheitswesen. Davon profitieren alle Menschen, deren Lebenslagen von mehreren Diskriminierungsformen geprägt sind – etwa queere Menschen, Menschen mit Behinderungen, rassifizierte und migrantische Communities, Alleinerziehende, alte Menschen, armutsbetroffene Familien oder Personen in prekären Arbeits- und Wohnverhältnissen.
Politisch bedeutet dies, Versorgungsstrukturen so zu gestalten, dass sie Barrieren abbauen, Mehrsprachigkeit und kulturelle Diversität berücksichtigen, Diagnostik kritisch reflektieren und niedrigschwellige Angebote etablieren. Ebenso entstehen daraus Aufgaben für die fach- und berufspolitische Vertretung systemischer Fachkräfte: Zugang zu systemischen Weiterbildungen muss gerechter gestaltet, finanzielle und institutionelle Hürden müssen abgebaut und Diskriminierungssensibilität in Berufsrollen und Ausbildungsstandards verankert werden
Auch Fachkräfte selbst profitieren von diskriminierungskritischer Sensibilisierung – durch eine Erweiterung ihrer professionellen Handlungsmöglichkeiten, durch mehr Reflexion eigener Positionierungen und durch bessere Möglichkeiten, Komplexität in Beratungs- und Therapieprozessen einzuschätzen und zu adressieren.
Einbettung in die intersektionale Strukturentwicklung der DGSF
Die DGSF hat sich im Herbst 2025 im Zuge ihres Transformationsprozesses auf den Weg gemacht, zu einer Organisation zu werden, die intersektionale Perspektiven systematisch in Strukturen, Konzepte und Angebote integriert. Kooperationen mit rassismuskritischen Akteur*innen, neue Räume für interne Reflexion, die Qualifizierung von Multiplikator*innen und der längerfristige strukturelle Umbau markieren Schritte hin zu einer umfassenden intersektionalen Organisationsentwicklung, die auf allen Ebenen – von der Geschäftsstelle bis zu Fachgruppen, Ethikbeirat, Gremien und Weiterbildungsinstituten – wirksam werden soll
Der Fachbereich Gesundheit & Psychotherapie ist dabei ein Aufgabenfeld, an dem fach- und gesundheitspolitische Themen und Entwicklungen sowie intersektionale Perspektiven zusammengeführt werden. Durch die Verknüpfung intersektionaler und systemischer Ansätze lassen sich Gesundheit, Krankheit und Versorgung kontextsensibel denken. Eine intersektionale systemische Gesundheitspolitik stärkt die Qualität der Versorgung, erweitert das professionelle Handeln und ermöglicht es der DGSF, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu begleiten und fachpolitisch Verantwortung zu übernehmen.
Der Fachbereich Arbeitswelt – Supervision, Coaching, Mediation und Organisationsentwicklung übersetzt intersektionale Perspektiven in Fragen von Führung, Zusammenarbeit, Entscheidungsprozesse und organisationale Ethik. Formate systemischer Beratung in der Arbeitswelt werden klar als macht- und diskriminierungssensible Professionen positioniert, die gesellschaftliche Verantwortung, Qualitätsanspruch und Organisationskompetenz zusammendenken. Intersektionale Systemik im Fachbereich III verbindet somit strukturelle Analyse, professionelle Haltung und organisationale Verantwortung an der Schnittstelle zwischen Verband, Profession und Arbeitswelt.
Projekte
Netzwerke und Fachgruppen
Innerhalb der DGSF gibt es vielfältige Netzwerke und Fachgruppen, in denen sich Mitglieder mit fachlichen, gesellschaftlichen und berufspolitischen Themen befassen und diese aktiv mitgestalten können. Zahlreiche dieser Zusammenschlüsse greifen intersektionale Fragestellungen auf, indem sie systemische Praxis mit Themen wie Macht, Diskriminierung, sozialer Ungleichheit, Alter, Migration oder gesellschaftlichem Wandel verbinden. Sie bieten Räume für fachlichen Austausch, kollektive Reflexion, Vernetzung und Beteiligung an der Weiterentwicklung des Verbandes.
Intersektionalität - eine Definition
Intersektionalität ist ein Konzept und Analysewerkzeug, um zu verstehen, wie unterschiedliche Macht- und Diskriminierungsverhältnisse zusammenwirken und sich gegenseitig beeinflussen. Es richtet den Blick auf die Lebensrealitäten von Menschen, die in mehreren gesellschaftlichen Machtordnungen zugleich zu nicht privilegierten Gruppen gehören – etwa in Bezug auf (zugeschriebener) Herkunft, Geschlecht, soziale Lage, Behinderung, sexuelle Orientierung oder Alter.
Der Begriff wurde 1989 von der US amerikanischen Juristin und Schwarzen Feministin Kimberlé Crenshaw geprägt. Mit dem Bild einer Straßenkreuzung („intersection“) veranschaulichte sie, dass Diskriminierung nicht nur „entweder – oder“ funktioniert, sondern sich an verschiedenen „Kreuzungen“ sozialer Kategorien überlagern kann. Eine intersektionale Diskriminierung liegt vor, wenn sich Benachteiligungen überschneiden, gegenseitig verstärken oder bestimmte Erfahrungen unsichtbar bleiben, weil vor allem einzelne Merkmale betrachtet werden. Lange Zeit standen in der Antidiskriminierungsarbeit meist einzelne Machtverhältnisse im Fokus – etwa Sexismus oder Rassismus. Intersektionalität macht sichtbar, dass solche Erfahrungen nicht additiv, sondern in ihrer Verschränkung wirksam sind.
Das Konzept teilt zentrale Grundannahmen mit einer systemischen Perspektive: Es betrachtet Individuen nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit sozialen Strukturen, Rollen, Erwartungen und Machtverhältnissen. Intersektionalität erweitert diesen Blick, indem sie fragt, welche Unterschiede in einem Kontext relevant werden, wessen Erfahrungen als selbstverständlich gelten und wessen systematisch übersehen werden.
Intersektional zu arbeiten bedeutet daher, Lebenslagen mehrdimensional zu betrachten. Es hilft, Leerstellen eindimensionaler Sichtweisen zu erkennen und Bedingungen zu schaffen, in denen unterschiedliche Erfahrungen, Positionierungen und Belastungen angemessen berücksichtigt werden können.
Die Auseinandersetzung mit intersektionalen Perspektive hat Auswirkungen auf unsere Praxis als Systemiker*innen: Wie reflektiere ich meine eigene gesellschaftliche Positionierung? Welche Erfahrungen validiere ich und welche relativiere ich vielleicht unbewusst? Wie stelle ich Fragen, ohne Traumadynamiken zu reaktivieren? Wie gestalte ich Beziehungen, ohne Ausschlüsse zu reproduzieren?
Unreflektierte Machtverhältnisse führen zur Reproduktion von Diskriminierung, zu Fehldiagnosen und zu Ausschlüssen, auch mit den besten Absichten.
Für die DGSF in ihrer Funktion als Fachverband für systemische Qualität ist eine intersektionale Ausrichtung sowohl ein ethischer als auch fachlicher Standard.
Kontakt
- Sanata Nacro, DGSF-Fachreferent*in Gesundheit und Psychotherapie (nacro@dgsf.org)
- Jakob Bickeböller, DGSF-Fachreferent Arbeitswelt - Supervision, Coaching, Mediation und Organisationsentwicklung (bickeboeller@dgsf.org)