Intersektionale Perspektiven

Intersektionalität erweitert systemisches Denken um eine macht- und diskriminierungssensible Perspektive auf Gesundheit, Krankheit und Versorgung. Sie macht sichtbar, wie Rassismus, Sexismus, Klassismus oder Ableismus zusammenwirken und psychische Belastungen sowie Zugänge zum Gesundheitssystem prägen. Für eine zeitgemäße systemische Gesundheitspolitik und (Psycho-)Therapie ist sie daher keine Ergänzung, sondern eine fachliche Kompetenz, um individuelle Lebenslagen im Kontext gesellschaftlicher Ungleichheiten zu verstehen und Versorgung gerechter zu gestalten.

Was bedeutet Intersektionalität?

Intersektionalität ist ein Konzept und Analysewerkzeug, um zu verstehen, wie unterschiedliche gesellschaftliche Macht- und Diskriminierungsverhältnisse zusammenwirken. Dazu gehören unter anderem Rassismus, (Hetero-/cis-)Sexismus, Klassismus, Ableismus und Altersdiskriminierung.

Der Begriff wurde 1989 von der US-amerikanischen Juristin und Schwarzen Feministin Kimberlé Crenshaw geprägt. Mit dem Bild einer Straßenkreuzung („intersection“) verdeutlichte sie, dass Diskriminierung nicht „entweder oder“ funktioniert. Vielmehr überlagern sich soziale Positionierungen und erzeugen spezifische Diskriminierungserfahrungen.

Intersektionalität richtet den Blick besonders auf Lebensrealitäten von Menschen, die durch mehrere gesellschaftliche Machtverhältnisse gleichzeitig strukturell benachteiligt werden. Sie macht sichtbar, dass Erfahrungen nicht additiv sind, im Sinne von Rassismus plus Sexismus, sondern spezifische, eigene Dynamiken entfalten.

Warum ist das für systemisches Arbeiten zentral?

Das Konzept Intersektionalität teilt zentrale Grundannahmen mit einer systemischen Perspektive: Es betrachtet Individuen nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit sozialen Strukturen, Rollen, Erwartungen und Machtverhältnissen. Intersektionalität erweitert diesen Blick, indem sie fragt, welche Unterschiede in einem Kontext relevant werden, wessen Erfahrungen als selbstverständlich gelten und wessen systematisch übersehen werden.

Intersektionale Perspektiven präzisieren, dass Kontext auch gesellschaftliche Machtverhältnisse umfasst. Probleme, Symptome oder Konflikte entstehen nicht ausschließlich in Beziehungen, sondern immer auch im Zusammenspiel mit institutionellen, historischen und gesellschaftlichen Bedingungen.

Damit stellen sich für die professionelle Praxis zentrale Fragen:

  • Wie reflektiere ich meine eigene gesellschaftliche Positionierung?
  • Welche Erfahrungen validiere ich und welche relativiere ich möglicherweise unbewusst?
  • Wann wird „Neutralität“ zur Vermeidung von Machtkritik?
  • Wie gestalte ich Allparteilichkeit, ohne strukturelle Ungleichheiten auszublenden?
  • Wie arbeite ich kontextsensibel, wenn Lebensrealitäten durch Diskriminierung geprägt sind?

Unreflektierte Machtverhältnisse führen auch bei guter Absicht zur Reproduktion von Diskriminierung, zu Fehldiagnosen und zu Ausschlüssen. Intersektionale Perspektiven stehen also nicht im Widerspruch zu systemischen Grundannahmen, sie vertiefen sie und sind deshalb kein Zusatzwissen, sondern eine notwendige fachliche Weiterentwicklung systemischer Professionalität.

Einbettung in die intersektionale Strukturentwicklung der DGSF

Die DGSF hat sich im Herbst 2025 im Zuge ihres Transformationsprozesses auf den Weg gemacht, zu einer Organisation zu werden, die intersektionale Perspektiven systematisch in Strukturen, Konzepte und Angebote integriert. Kooperationen mit diskriminierungskritischen Akteur*innen, neue Räume für interne Reflexion, die Qualifizierung von Multiplikator*innen und der längerfristige strukturelle Umbau markieren Schritte hin zu einer umfassenden intersektionalen Organisationsentwicklung, die auf allen Ebenen – von der Geschäftsstelle bis zu Fachgruppen, Ethikbeirat, Gremien und Weiterbildungsinstituten – wirksam werden soll

Der Fachbereich Gesundheit & Psychotherapie ist dabei ein Aufgabenfeld, an dem fach- und gesundheitspolitische Themen und Entwicklungen sowie intersektionale Perspektiven zusammengeführt werden. Durch die Verknüpfung intersektionaler und systemischer Ansätze lassen sich Gesundheit, Krankheit und Versorgung kontextsensibel denken. Eine intersektionale systemische Gesundheitspolitik stärkt die Qualität der Versorgung, erweitert das professionelle Handeln und ermöglicht es der DGSF, gesellschaftliche Entwicklungen kritisch zu begleiten und fachpolitisch Verantwortung zu übernehmen.

Der Fachbereich Arbeitswelt – Supervision, Coaching, Mediation und Organisationsentwicklung übersetzt intersektionale Perspektiven in Fragen von Führung, Zusammenarbeit, Entscheidungsprozesse und organisationale Ethik. Formate systemischer Beratung in der Arbeitswelt werden klar als macht- und diskriminierungssensible Professionen positioniert, die gesellschaftliche Verantwortung, Qualitätsanspruch und Organisationskompetenz zusammendenken. Intersektionale Systemik im Fachbereich III verbindet somit strukturelle Analyse, professionelle Haltung und organisationale Verantwortung an der Schnittstelle zwischen Verband, Profession und Arbeitswelt.

Projekte

Netzwerke und Fachgruppen

Innerhalb der DGSF gibt es vielfältige Netzwerke und Fachgruppen, in denen sich Mitglieder mit fachlichen, gesellschaftlichen und berufspolitischen Themen befassen und diese aktiv mitgestalten können. Zahlreiche dieser Zusammenschlüsse greifen intersektionale Fragestellungen auf, indem sie systemische Praxis mit Themen wie Macht, Diskriminierung, sozialer Ungleichheit, Alter, Migration oder gesellschaftlichem Wandel verbinden. Sie bieten Räume für fachlichen Austausch, kollektive Reflexion, Vernetzung und Beteiligung an der Weiterentwicklung des Verbandes.

Kontakt

  • Jakob Bickeböller, DGSF-Fachreferent Arbeitswelt - Supervision, Coaching, Mediation und Organisationsentwicklung (jakob.bickeboeller@dgsf.org)